Wenn Glück plötzlich zerbrechlich ist

Sonntag, 5. Juli 2015



Von Wattekindern und ihren ängstlichen mutigen Eltern

Ich bewundere Menschen, denen etwas herunterfällt und die danach trotzdem fröhlich die Scherben aufsammeln können, weil so etwas doch schonmal vorkommen kann. Ich selbst hasse es, wenn mir so etwas passiert. Wenn etwas zerbricht, weckt es jedes Mal in mir ein schrecklich ungutes Gefühl... Das schlechte Gewissen und die Sehnsucht danach, die Zeit doch mal eben zurückdrehen zu können. Nur für ein paar Sekunden. Sodass danach alles wieder heil ist...

In meinem Leben war ich schon sehr oft glücklich. Glücklich über eine aufopferungsvolle Familie, über Freunde, auf die ich mich immer verlassen kann, meine Abschlüsse an Schule und Uni, meinen treuen und liebevollen Ehemann und vieles mehr, das mir bisher in meinem Leben begegnet ist. Aber noch nie hatte ich in so einem großen Ausmaß das Gefühl, dass Glück so unheimlich zerbrechlich ist, wie seitdem ich Mutter bin.


Den Moment von MoJos Geburt werde ich nie vergessen... Es kam mir so vor, als müsste in diesem Augenblick gerade die Zeit stehen geblieben sein. Nicht nur im Kreissaal, sondern auf der ganzen Welt... Ich war plötzlich innerlich so unheimlich ruhig. Unsere Familie schien mir gerade kompletter denje. Dieser kleine Mensch gehörte von nun an zu uns. Meine Verbindung zu ihm fühlt sich für mich enger an, als ich es vorher überhaupt für möglich gehalten hätte.

Doch die Ruhe hielt nicht auf Dauer an. Wenn wir nebeneinander im Bett lagen, musterte ich meinen kleinen Sohn ganz genau. Seine kleine Nase, seine kleinen Lippen, seine kleinen Händchen und Füßchen. Er kam mir so unfassbar süß aber auch so zerbrechlich vor. Ich liebte dieses kleine und zerbrechliche Wesen so sehr, dass es fast schon weh tat. Und alleine der Gedanke, dass ihm einmal Schlechtes widerfahren könnte, zerriss mir fast das Herz. Dieser Schmerz war genauso intensiv wie die Liebe, die ich empfand.

Wenn ich könnte, würde ich alles für ihn geben. Doch trotzdem ist mir bewusst, dass ich ihn nicht immer beschützen werden kann. Den Spruch: ,,Du bist Mutter, wenn dein Herz außerhalb deines eigenen Körpers schlägt" fand ich immer schrecklich kitschig und überzogen. Nun denke ich, dass da sehr wohl etwas Wahres dran ist. Mein Glück ist so eng verknüpft mit diesem kleinen Menschen. Aber warum muss sich dieses Glück nun auch so schrecklich zerbrechlich anfühlen?

Wegen dieser Erfahrung neigen wir Eltern oft dazu, unsere Kinder bestmöglich in Watte zu packen. Das heißt nicht nur, dass unser Zuhause 100%-ig kindersicher gemacht wird, wir tun auch alles uns nur irgendwie Mögliche, um schlechte Erfahrungen von unseren Kindern fernzuhalten. Aus Liebe und Angst heraus.  Ich denke, das ist ganz natürlich. Wenn sich Glück plötzlich so zerbrechlich anfühlt, tun wir doch automatisch alles dafür, dass es uns bloß nicht herunterfällt und nicht kaputt geht. Weil uns unser Kind wertvoller ist, als alles Andere.

Aber kann man das Glück wirklich festhalten? Oder klammern wir uns in Wirklichkeit eigentlich doch nur an unsere Angst? Ich will, dass mein Sohn mutig wird. Dass er keine Angst vor dem Scheitern hat. Dass er aus schlechten Situationen das Bestmöglichste machen wird. Dass er Schmerz ertragen kann. Dass er trotzdem nie die Hoffnung verliert. Aber all das wird er vermutlich nie lernen, wenn ich ihn permanent in Watte packe. Ich glaube fest daran, dass sich die Ängste von Eltern leider automatisch auch auf ihre Kinder auswirken. Und ganz egal wie nachvollziehbar und real unsere Angst auch ist: Man muss wohl irgendwie lernen, mit ihr umzugehen. Sie von Zeit zu Zeit auch völlig ziehen zu lassen.
Das Glück wird wohl immer zerbrechlich bleiben. Aber ist es nicht genau das, was es so einzigartig und wertvoll macht? Wenn man mich fragt, was ich am Mutter-Sein als größte Herausforderung empfinde, dann ist es genau das. Mich selbst plötzlich so angreifbar und zerbrechlich zu fühlen, weil mir so etwas Wertvolles und Liebenswertes anvertraut wurde. Schlaflose Nächte, Zeitmangel und Stress sind im Vergleich dazu für mich nur das kleinere Übel. 

Aber vielleicht macht genau das uns als Mütter auch so stark. Zu wissen, wie zerbrechlich wir und unser Glück plötzlich sind, und es trotzdem zu akzeptieren und mutig weiter zu machen. 

 

Kennt ihr dieses neue Gefühl von Zerbrechlichkeit, seitdem ihr Mutter seid? Wie geht ihr damit um?


5 Kommentare |

  1. Die Gefühle, die du beschreibst, empfinde ich genauso. Da ist dieses kleine Wesen was wir unendlich lieben und vor allen Schlechten auf dieser Welt fernhalten wollen. Wir sind überglücklich und ich weiß das dieses Glück von der einen auf die andere Sekunde kaputt sein kann.

    Ich denke immer an Unfälle, Krankheiten oder an Momente die sonst noch das Leben komplett verändern. Und dann schaue ich meinen Schatz an, sehe ein friedliches Leben und bin dankbar, das wir bisher eine tolle Zeit hatten. Ich hoffe, dass dieses Glück nie zerbricht.

    Alles Liebe
    Sina

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  2. Wow, so ein toller Text der mir selbst zu 100% aus der Seele spricht. Das schönste und zugleich grausamste Gefühl der Welt. Diese unendliche Liebe empfindet hoffentlich jede Mutter für ihr Kind/ihre Kinder. Mit Ängsten habe ich auch noch zu kämpfen , aber ich bin auch noch nicht lange Mama, zumindest rede ich mir ein das es daran liegt. Das man mit der Zeit schon ein wenig seiner Angst verliert.
    Man erzieht sein Kind nach bestem Wissen und Gewissen und später einmal werden sie sicher verantwortungsvolle Menschen :)

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  3. Toller Text! Und obwohl meine Geschichte ja eine andere ist (keine automatische Mutterliebe ab Geburt, Zweifel und Schwierigkeiten mit der Mutterschaft etc.) empfand ich trotzdem immer auch die Angst, dass meinen Kindern was passieren könnte. Und ich leide immer extrem mit, wenn sie krank sind oder selbst leiden. Das ist schon manchmal für mich fast unerträglich, dass ich ihr Leid schlimmer als mein eigenes fühle.
    Und was das Loslassen betrifft:
    aus meiner Erfahrung mit meinen 2 Kindern kann ich Dir sagen, dass Kinder sehr unterschiedlich sind, auch in ihrem Mut und ihrer Risikobereitschaft. Während mein Mann, ich und der Große zurückhaltend, vorsichtig und nicht risikofreudig sind, ist meine Kleine ganz anders. Sie macht Sachen, auf die wir 3 anderen nicht im Traum kommen würden. Und das kommt aus ihr selbst heraus. Während man den Großen ermutigen muss, muss man die Kleine eher bremsen. Also ich denke, sicherlich spüren Kinder, wenn die Eltern vielleicht eher vorsichtig oder bedächtig sind, aber der Grundcharakter bleibt trotzdem bestehen. Aus meinem Großen wird nie ein Rabauke werden (zum Glück) und meine Kleine lebt ihr Wesen aus, obwohl sie andere Einflüsse von den Eltern und dem Bruder erfährt. Wenn ich nur den Großen hätte, würde ich vielleicht auch an die These glauben, dass sich vieles von den Eltern überträgt. Da meine Kleine aber so anders ist, bin ich da mittlerweile eines Besseren belehrt worden. Das ist ja das Schöne und Entlastende daran:)
    Liebe Grüße!

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  4. Du beschreibt es wieder so wundervoll und ich finde mich hier genau wieder. Auch ich hätte vorher niemals gedacht dass ich mal so starke Liebe empfinden würde. Und der Beschützerinstinkt ist auch bei mir sehr stark ausgeprägt. Du hast Recht mit der Übertragung unserer Ängste auf das Kind. Genau das sehe ich täglich als große Herausforderung: auf der einen Seite will ich mein Baby vor allem Übel beschützen..., auf der anderen Seite will ich ihn nicht in seiner Freiheit und gesunden und selbstbewussten Entwicklung einschränken. Damit tue ich mich teilweise echt noch schwer.

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  5. Ich bin auch so ängstlich, wenn es um mein Kind geht.
    Im Laufe der Zeit bin ich aber auch etwas entspannter geworden und lasse sie ihre Welt entdecken und Erfahrungen sammeln. Ich finde das sehr wichtig. Sie muss es alleine machen. Schon jetzt. Damit sie später weiß, dass sie es alleine kann.
    Manchmal gucke ich weg, weil ich Angst habe. Manchmal stehe ich ganz dicht, um sie doch zu fangen.
    Ich habe noch immer Angst. Und würde ihr etwas geschehen, wäre ich nie wieder glücklich...

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