Ist Toleranz eine Frage der Erziehung?

Dienstag, 1. September 2015


Was ist das bitteschön für ein Sommer? Das Internet quillt fast über vor ausländerfeindlichen Kommentaren, die einfach erschreckend herzlos sind. Beim Lesen ist man zwangsläufig zwischen Fassungslosigkeit, Hass und Fremdscham hin und her gerissen. Äußert jemand eine mitfühlende Aussage zur Flüchtlingsdebatte, wird er gleich als Held bejubelt. Ich meine, sich ein Herz für diejenigen zu fassen, die zu Unrecht schlecht behandelt werden, ist gut und richtig. Aber wann hat das aufgehört selbstverständlich zu sein? Seit wann gehören Menschen und Mitmenschlichkeit nicht mehr automatisch zusammen?

Viel Schlechtes verpestet das Miteinander, das eigentlich so viel positiver sein könnte. Vielleicht war das das auch schon immer so. Mal mehr, mal weniger. Manche dieser Geschehnisse fühlen sich einfach nur sehr weit weg an. Doch der ausländerfeindliche Umgang mit Menschen, die keine bösen Absichten hegen, unter Umständen einfach nur verzweifelt nach Schutz für ihr Leben suchen, das berührt mich ganz persönlich. 


Ich bin kein Flüchtlingskind. Dennoch liegt mein Geburtsort nicht in Deutschland. Meine Eltern sind Deutsche, deren Vorfahren seit einigen Generationen in Kasachstan lebten. Russlanddeutsche. Meine Mutter arbeitete in einer Bank, mein Vater war Ingenieur. Keineswegs Umstände, die einen zu einer Flucht zwingen würden. Doch etwas hat sie gewissermaßen doch vertrieben. Fremdenhass und die Hoffnung an einem anderen Ort akzeptiert zu sein und gerecht behandelt zu werden. Deutsche Faschisten wurden sie in Kasachstan genannt. Dreimal dürft ihr raten, was daraus in Deutschland angekommen wurde. Scheiß Ausländer. Menschen können durch ihre Abneigung vor dem Fremden so unglaublich verstockt in ihrem Herzen sein. 

Meine Eltern mussten beide wieder bei Null anfangen. Neue Berufe erlernen. Ohne Geld, aber dafür mit einem knapp zwei Monate alten Baby. Mir. Natürlich kann ich mich nicht an diese Zeit erinnern, aber ich mag mir kaum ausmalen, wie schwer die ganze Situation damals für sie gewesen sein muss. Woran ich mich aber sehr wohl erinnere ist, wie auch ich in meinem Leben mit Ausländerfeindlichkeit konfrontiert wurde. Dumme Vorurteile. Sogar Hass und Mobbing als meine Eltern sich nach vielen schweren Jahren den Weg in die Selbständigkeit erkämpft haben. Viele dieser gemeinen und herzlosen Kommentare, die die Reaktion hierauf waren, werde ich wohl nie vergessen. Auch nicht, wie sehr sie einen verletzen können. Dieses Gefühl von Machtlosigkeit, weil man schlichtweg ungerecht behandelt wird. 

Und das nur, weil man auf einem anderen Teil derselben Erde geboren wurden. Und wegen des Neides. Dieses miese Gefühl, das manche nicht abschütteln wollen, sondern sich noch viel mehr daran klammern. Haben meine Eltern nun anderen ihre Jobs gestohlen? Tue ich das als ihre Tochter auch heute noch? Wenn man mal ehrlich darüber nachdenken würde, wüsste man dass das Quatsch ist. In Deutschland haben es nicht alle gleich leicht, aber alle haben die gleichen Chancen. Man muss nur darum kämpfen. Meine ersten Kinderzimmermöbel hat mein Vater noch in einem Gewächshaus erarbeitet. Viele Jahre hat er immer weiter gelernt und sich fortgebildet. Wenig Zeit für sich und seine Familie gehabt. Doch egal wie sehr man strampeln musste, zum Schluss gönnen es einem die Wenigsten. Ob nun Ausländer oder nicht. Schade eigentlich. Ich hoffe und bete, dass meinem eigenen Sohn solche Erfahrungen erspart bleiben werden.

Einen Vorteil hatte das Ganze aber vielleicht doch. Weil ich Fremdenhass am eigenen Leib erleben musste, kann ich nicht anders als mit anderen mitzufühlen, denen es ähnlich ergeht. Mich für Schwächere einzusetzen. Toleranz und Mitgefühl zu zeigen. Diese Eigenschaften will ich auch meinem Kind mit auf den Weg geben. Wenn sie klein sind, kennen sie so etwas wie Ausländerfeindlichkeit nicht. Mensch ist noch gleich Mensch. Doch bereits im Kindergarten kann die Welt erfahrungsgemäß schon ganz anders aussehen. Woher haben Kinder so etwas? Sich selbst zusammen erdacht? Unwahrscheinlich. Doch Kinder hören sehr wohl mit, wie Erwachsene reden. Wie ihre Eltern am Tisch über Andere sprechen. 

Daher denke ich, dass genau dieser verrückte Sommer 2015 ein guter Zeitpunkt dazu ist, mit seinen Kindern über das zu reden, was gerade in Deutschland geschieht. Vielleicht sind sie noch zu klein, um die ganze Tragweite zu verstehen. Aber sie sind wohl nie zu klein dafür, um gute Vorbilder zu haben. Eltern, die ihnen zeigen, was Toleranz und Mitgefühl bedeuten. Wie man den Mund aufmacht, wenn Ungerechtigkeit geschieht. Zu wissen, dass jeder Mensch gleich kostbar ist und wie wichtig es ist, sich auf die Seite der Schwächeren zu stellen. Das ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Lektionen, die Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben können. Unsere Kinder sind die Gegenwart und Zukunft dieses Landes. Damit tragen wir als Eltern Verantwortung dafür, welche Einstellungen sie Zuhause miterleben. Besonders in Zeiten wie diesen.

Klar ist, dass unsere Kinder ihren ganz eigenen Weg gehen werden. Ihre eigenen Entscheidungen treffen werden. Manche werden wir gutheißen, manche nicht. Das sollte jedoch keine Ausrede dafür sein, den Dingen ihren Lauf zu lassen, ohne selbst ganz bewusst mit gutem Beispiel voranzugehen.



Redet ihr mit euren Kindern über dieses Thema? Wie reagieren sie darauf?

0 Kommentare

Kommentar veröffentlichen

 


Copyright © M.O.M.M. | Theme by Neat Design Corner |